Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Tutorial Warum wir hohe Führungen noch verspielen
Spindoctor
03.09.2010, 21:20
... und was wir dagegen tun können
Unter Tennisspielern aller Alters- und Spielklassen gibt es ein weit verbreitetes Phänomen: Täglich werden Matches verloren, weil der / die Spieler/in im entscheidenden Moment den Sack nicht zumachen konnte.
Jeder von uns kennt es – man führt 5-2 und gibt den Satz letztlich dennoch aus der Hand. Diese Niederlagen schmerzen. Im Nachhinein schütteln wir den Kopf über unser Unvermögen, wir spielen die entscheidenden Punkte wieder und wieder vor unserem geistigen Auge durch und mutmaßen, was passiert wäre, wenn wir hier und da einen Tick aggressiver gespielt hätten.
Wir sind unzufrieden mit uns, weil die Niederlage vermeidbar gewesen ist. Wir hatten die Mittel, um diesen Gegner zu schlagen, sind aber kurz vorm Ziel mental eingesackt. Dieses Bewusstsein macht uns noch Tage danach zu schaffen. Wir können akzeptieren, wenn uns der Gegenüber ausspielt oder in wichtigen Momenten das bessere Tennis spielt. Aber wenn wir das Match selbst wegschenken? Nein, das können wir uns nicht verzeihen. Da sind wir hart.
Was passiert eigentlich, wenn ein Spieler in einem Match führt und es am Ende dennoch verliert? Darum soll es in diesem Thread gehen. Eine allgemeine Antwort ist sicher schwierig, weil jeder Spieler verschieden ist. Allerdings gibt es eine Reihe von Ursachen, die auf die meisten von uns zutreffen:
1. Die Führung verwalten
Wer seine Führung nur verwalten will, spielt mit angezogener Handbremse. Er wird vorsichtig und hofft, dass sein Gegner ihm die Punkte "schenkt". Sein Fokus liegt darauf, das Match "nicht zu verlieren". Mit anderen Worten: Er scheut selbst die Initiative und wartet nur noch auf die Fehler seines Gegners. Das ist der sichere Weg in den Abgrund. Selbst wenn man mit solch einer Strategie gerade eben noch gewinnt, fühlt man sich hinterher schlecht. Das Selbstvertrauen leidet und – was noch schlimmer ist – es besteht die Gefahr, dass man beim nächsten Mal wieder in diese schlechte Gewohnheit zurückfällt.
2. Das Ergebnis vorwegnehmen
Die ultimative Herausforderung für Tennisspieler ist es, sich auf den Prozess und nicht auf das Ergebnis zu konzentrieren. Allerdings: Viele Spieler sind gedanklich nicht in der Gegenwart. Sobald sie erkennen, dass der Sieg in Reichweite ist, malen sie sich das Ergebnis aus und werden bei dem Gedanken daran abgelenkt. Sie verlieren die Konzentration, rücken von ihrer Strategie ab und treffen falsche Entscheidungen. Der Gedanke an den Sieg vereinnahmt sie und lässt sie verkrampfen. Beim Versuch, ihre Führung über die Runden zu retten, werden sie nervös und beginnen damit, ihr Spiel zu analysieren. Letzteres hat wiederum einen negativen Einfluss auf ihre Schlagwahl und –durchführung.
3. Die Spannung verlieren
Manche Spieler – wenn auch weniger oft vorzufinden – sind zu entspannt. Sie denken, sie hätten alles unter Kontrolle und könnten es sich leisten, für einen kurzen Moment einen Gang runterzuschalten. Das ist oftmals fatal. Ein oder zwei Spielverluste können sich später als verheerend erweisen. Beim Versuch, ihre verloren gegangene Konzentration mit aller Gewalt wiederzufinden, verkrampfen diese Spieler. Sie denken zu viel nach und müssen feststellen, dass sich das Blatt nun gewendet hat.
Zu große Gelassenheit ist ein Anzeichen für das selbe Problem wie im vorangegangenen Punkt: dem Denken in Ergebnissen. Die Gedanken driften zum Spielstand ab und wir meinen, wir könnten uns eine "Auszeit" leisten. Gelassenheit fühlt sich zwar besser an als Nervosität, kann uns aber genauso teuer zu stehen kommen. Sobald wir ein paar Spiele verloren haben, ist die Nervosität ohnehin wieder da. In den meisten Fällen haben wir dann aber nicht nur selbst den Faden verloren, sondern gleichzeitig auch noch unseren Gegner aufgebaut.
4. Der kritischen Stimme gehorchen
Wir alle haben eine kritische Stimme, die unsere Handlungen beurteilt. Immer wenn wir kurz davor sind, etwas Gutes zu erreichen, meldet sie sich zu Wort und nährt unsere Selbstzweifel. Die kritische Stimme ist der kleine Teufel, der auf unserer Schulter sitzt und uns negative Sachen ins Ohr flüstert: "Dieses Spiel verlierst du besser nicht. Du weißt, du hast schon einmal versagt. Du wirst es wieder tun." Wer seiner kritischen Stimme Gehöhr verschafft, hat die mentale Kontrolle verloren. Von hier an geht es nur noch bergab. Daher müssen wir verhindern, dass sich kritische Gedanken in unseren Kopf einnisten. Sagt euch zum Beispiel: "Ich bin zäher als mein Gegner. Ich werde kämpfen, bis es vorbei ist. Ich habe volles Vertrauen in meine Fähigkeiten.“
Wie behalte ich die mentale Kontrolle?
1. Bleib bei deinem Spielplan! Ändere ihn nicht, nur weil du führst. Beende das Match mit den Schlägen bzw. der Strategie, die dich überhaupt erst in diese Position gebracht hat.
2. Denke positiv! Überleg dir ein paar motivierende Gedanken und wiederhole sie immer dann, wenn du sie brauchst: "Ich bin entspannt und habe Spaß", "Ich kann alles erreichen, was ich mir vornehme", "Ich liebe die Herausforderung".
3. Lächle kritische Gedanken weg! Lass deine innere Stimme nicht die Oberhand gewinnen. Lächle stattdessen, wenn sich Selbstzweifel breit machen wollen. Du genießt diesen Moment und lässt dir das Heft nicht einfach aus der Hand nehmen.
4. Lass deinen Blick nicht abwandern! Fokussiere dich stattdessen auf deine Saiten, den Boden oder – noch besser – visualisiere deinen nächsten Aufschlag. Schau nicht planlos in der Gegend herum.
5. Atme tief und rhythmisch! Dadurch bleibst du körperlich entspannt. Mache Atemübungen* zu deiner Routine. Speziell unter Stress neigen viele Spieler dazu, ihre Atmung zu beschränken. Vermeide dies unbedingt!
Fazit
Letztlich unterscheidet sich das Aufschlagspiel bei 5-2 durch nichts von all den anderen Spielen. Genau wie bei jedem anderen Punkt im Match benötigst du ein Maximum an Konzentration, Intensität und Wachsamkeit. Bleib entspannt, orientiere dich an deinem Spielplan, spiele jeden Punkt wie den letzten und genieße die Herausforderung. Zerstöre negative Gedanken mit einem Lächeln, dann bist du auf dem besten Weg, deine Nerven unter Kontrolle zu bringen.
Spindoc
_______________
* vgl. auch: Die richtige Atmung im Tennis
Hawkeye2
03.09.2010, 22:35
Letztlich unterscheidet sich das Aufschlagspiel bei 5-2 durch nichts von all den anderen Spielen.
Spindoc
Hi,
da würde ich Dir stark widersprechen.
In sehr, sehr vielen Matches habe ich bei diesem Spielstand ganz klar gemerkt, wie der Gegner wesentlich stärker gespielt hat als vorher.
Ganz einfach weil er mit dem Rücken zur Wand steht und seinerseits viel konzentrierter agiert und keinen Punkt mehr leicht verschenken will.
Ganz häufig bekommt man seine Punkte in diesem Aufschlagspiel nicht mehr "so einfach" wie in den Spielen davor.
Daher muss man seinerseits noch konzentrierter zu Werke gehen als vorher, keine leichten Fehler machen oder hitzige Winner versuchen.
Seinen bisherigen Spielplan verfolgen und sich nicht wundern, wenn auf einmal Bälle zurückkommen, die der Gegner vorher nicht einmal rübergespielt hat.
Ansonsten: sehr gute Hinweise.
Gruß
Spindoctor
03.09.2010, 23:06
Richtig. Dein Gegner hat in solch einer Situation nichts mehr zu verlieren und kann befreit aufspielen. Auf deine mentale Herangehensweise an dieses Aufschlagspiel sollte das allerdings keinen Einfluss haben. Du musst zu jeder Zeit 100 Prozent geben und Punkt für Punkt spielen, ganz unabhängig vom Spielstand. Das war die Intention meines Satzes.
Wenn du unter den gegebenen Umständen deine beste Leistung gebracht hast, aber das Match trotzdem noch verlierst, dann war dein Gegner einfach besser und du hast dir nichts vorzuwerfen. Du hast alles getan, was du tun konntest. Und das ist genug! Deshalb musst du zuerst sicherstellen, dass du auch wirklich deine beste Leistung bringst und nicht mental wegbrichst. Dabei sollen die oben genannten Tipps helfen. Was dein Gegner dann macht, kannst du nicht beeinflussen.
Benedikt
03.09.2010, 23:06
@Spindoctor
es wäre nett von dir, wenn du etwas von dir mal preis gibst, hat du das aus deinem Wissen herausgeschrieben, hast du es irgendwie herauskopiert, oder bist du ein Mann vom Fach.
Würde die Glaubwürdigkeit deiner Ergüsse etwas untermauern oder nicht
Spindoctor
03.09.2010, 23:23
Benedikt,
man muss nicht Psychologie studiert haben, um auf mentalem Gebiet erfolgreich zu werden. Es ist keine Wissenschaft, die sich mit Formeln und Graphen beschäftigt. Du brauchst nicht mehr als ein paar Grundkenntnisse, etwas Kreativität, Lernbereitschaft und einen gesunden Menschenverstand. Kritik ist ausdrücklich erwünscht. Ich kann auch verstehen, wenn du damit nichts anfangen kannst. Ich will dich zu nichts überzeugen, weil ich weiß, dass dies auch gar nicht möglich ist. Wenn du Kritik üben möchtest, dann solltest du sie auf die hier gemachten Aussagen beziehen und nicht personenabhängig machen.
Gruß,
Spindoc
lexi4berlin
04.09.2010, 05:53
Richtig. Dein Gegner hat in solch einer Situation nichts mehr zu verlieren und kann befreit aufspielen. Auf deine mentale Herangehensweise an dieses Aufschlagspiel sollte das allerdings keinen Einfluss haben. Du musst zu jeder Zeit 100 Prozent geben und Punkt für Punkt spielen, ganz unabhängig vom Spielstand.
Meiner Meinung nach hängt es genau davon ab, ob man tatsächlich so spielen soll wie man es bisher - erfolgreich - getan hat oder nicht. Änderte der Gegner sein Spiel nicht, sollte man spielen wie bisher, schließlich war das zuvor auch erfolgreich. Änderte der Gegner hingegen sein Spiel, kann das anders sein: Machte der Gegner etwa zuvor sehr viele Fehler und spielt jetzt erfolgreich fehlervermeidend mit viel weniger Risiko, dann kann es böse enden, wenn man sein eigenes Spiel nicht anpasst - es gilt dann, ebenfalls leichte Fehler zu vermeiden. Liegt man aber in einem Spiel in Führung, kann man das Risiko ruhig erhöhen und den Gegner unter Druck zu setzen - er steht in solchen Situationen permanent mit dem Rücken zur Wand und kann sich keine einzige Schwäche erlauben.
Ob man zu jeder Zeit 100 Prozent geben soll, hängt sehr davon ab, was für ein Spieltyp man ist. Beispiel: Ein aufschlagstarker, aber konditionsschwacher Spieler führt 5:2 bei Aufschlag Gegner. Hier würde ich davon abraten, sich zu sehr zu verausgaben. Lieber zu Spielbeginn volles Risiko gehen und läuferisch schonen - entweder geht das mit dem Risiko gut, oder aber der Spieler kann sich anschließend halbwegs ausgeruht auf sein eigenes Aufschlagspiel konzentrieren (er muss dann ja ohne Saitenwechselpause zwischendurch aufschlagen!)
Spindoctor
04.09.2010, 13:58
Meiner Meinung nach hängt es genau davon ab, ob man tatsächlich so spielen soll wie man es bisher - erfolgreich - getan hat oder nicht. Änderte der Gegner sein Spiel nicht, sollte man spielen wie bisher, schließlich war das zuvor auch erfolgreich. Änderte der Gegner hingegen sein Spiel, kann das anders sein: Machte der Gegner etwa zuvor sehr viele Fehler und spielt jetzt erfolgreich fehlervermeidend mit viel weniger Risiko, dann kann es böse enden, wenn man sein eigenes Spiel nicht anpasst - es gilt dann, ebenfalls leichte Fehler zu vermeiden. Liegt man aber in einem Spiel in Führung, kann man das Risiko ruhig erhöhen und den Gegner unter Druck zu setzen - er steht in solchen Situationen permanent mit dem Rücken zur Wand und kann sich keine einzige Schwäche erlauben.
Mir scheint, du verwechselst Taktik mit Strategie. Strategie ist das, was du dir vor dem Match vornimmt, z. B. mutig zu spielen, die Bälle im Aufsteigen zu nehmen, nach guten Angriffen ans Netz aufzurücken. Das alles ist planbar und gehört zu deinem Spielplan.
Taktik ergibt sich hingegen situativ, sie wird kurzfristig festgelegt. Du kannst sie nicht planen, weil du nicht weißt, wie das Match verlaufen wird. In Führung liegend das Risiko zu erhöhen ist zum Beispiel eine taktische Maßnahme. Es ist völlig richtig, dass du entsprechend dem Matchverlauf taktische Anpassungen vornehmen musst. Du sollst nur nicht von deinem Spielplan, also deiner Strategie abweichen.
Ob man zu jeder Zeit 100 Prozent geben soll, hängt sehr davon ab, was für ein Spieltyp man ist. Beispiel: Ein aufschlagstarker, aber konditionsschwacher Spieler führt 5:2 bei Aufschlag Gegner. Hier würde ich davon abraten, sich zu sehr zu verausgaben. Lieber zu Spielbeginn volles Risiko gehen und läuferisch schonen - entweder geht das mit dem Risiko gut, oder aber der Spieler kann sich anschließend halbwegs ausgeruht auf sein eigenes Aufschlagspiel konzentrieren (er muss dann ja ohne Saitenwechselpause zwischendurch aufschlagen!)
Leistung und Konzentration hängen unmittelbar zusammen. Eine höhere Konzentration geht mit einer besseren Leistung einher und umgekehrt. Wenn du beschließt, dich beim Returnspiel nicht voll reinzuhängen, verlierst du automatisch einen Teil deiner Konzentration. Es besteht nun die Gefahr, dass du deine Konzentration vor dem nächsten Aufschlagspiel nicht rechtzeitig wiederfindest. Wir können nicht einfach einen Knopf drücken und unsere Konzentration nach Belieben ein- und ausschalten. Der Zustand vollkommener Konzentration stellt sich nur sehr langsam ein. Daher ist es nicht ratsam, das Returnspiel schleifen zu lassen. Unter Umständen verlierst du deine gesammelte Konzentration und holst deinen Gegner zurück ins Match.
Benedikt
04.09.2010, 17:00
@Spindocktor
ich will doch nur wissen, ob du ein Fachmann/frau bist oder nicht? Ist das eine provokante Frage? ....und natürlich kann man mich überzeugen, mit Fachwissen.
lexi4berlin
05.09.2010, 12:01
Erstmal vielen Dank an Spindoctor für seine umfangreichen Erläuterungen - dieser Hinweis nicht zuletzt deshalb, damit es nicht falsch verstanden wird, wenn ich im Einzelfall mitunter widerspreche.
Mir scheint, du verwechselst Taktik mit Strategie.Strategie ist das, was du dir vor dem Match vornimmt, z. B. mutig zu spielen, die Bälle im Aufsteigen zu nehmen, nach guten Angriffen ans Netz aufzurücken. Das alles ist planbar und gehört zu deinem Spielplan.
Nein, ich fürchte, Du bringst da Strategie und Taktik etwas durcheinander.
Strategie ist z.B.: offensiv spielen, den Gegner unter Druck setzen etc., soweit sind wir uns einigermaßen einig.
Die Mittel, die Du für die Erreichung dieser Teilziele einsetzt sind dann aber bereits die taktischen Maßnahmen, also Bälle im Aufsteigen nehmen, nach guten Angriffen ans Netz gehen.
In Führung liegend das Risiko zu erhöhen ist zum Beispiel eine taktische Maßnahme.
Sehe ich auch so.
Es ist völlig richtig, dass du entsprechend dem Matchverlauf taktische Anpassungen vornehmen musst. Du sollst nur nicht von deinem Spielplan, also deiner Strategie abweichen.
Genau das halte ich nicht für allgemeingültig. Stell Dir mal vor, Du hast den ersten Satz 1:6 verloren und liegst im zweiten Satz 0:2 hinten. Kann sein, dass der Gegner einfach besser ist und Du eh nichts machen kannst, OK, für den Fall können wir uns jede Analyse sparen. Aber eins ist ziemlich sicher: Mit der bisherigen Strategie wird das nichts mehr werden. Hier würde ich meine Strategie ändern, schlimmstenfalls wird alles noch schlimmer und ich verliere eben die nächsten 4 Spiele (danach hat es aber sowieso ausgesehen!), aber vielleicht erwirkt die Strategieänderung mit etwas Glück ja auch den Umbruch!
Leistung und Konzentration hängen unmittelbar zusammen... Wenn du beschließt, dich beim Returnspiel nicht voll reinzuhängen, verlierst du automatisch einen Teil deiner Konzentration. Es besteht nun die Gefahr, dass du deine Konzentration vor dem nächsten Aufschlagspiel nicht rechtzeitig wiederfindest...
Ein gewichtiges Argument! Da muss man sich selbst beobachten: Wenn man dazu neigt, den Faden zu verlieren, wenn man einmal nachlässt, dann darf man das in der Tat nicht machen. Ich kenne aber auch Leute, die ganz ausdrücklich die Konzentration nicht sehr lange halten können und automatisch ab und an unaufmerksamer werden. Solchen Leuten kann eine bewusste Konzentrations-Ruhe-Phase u.U. sogar für die spätere Konzentration nutzen.
Spindoctor
05.09.2010, 14:47
@Spindocktor
ich will doch nur wissen, ob du ein Fachmann/frau bist oder nicht? Ist das eine provokante Frage? ....und natürlich kann man mich überzeugen, mit Fachwissen.
Da stellen sich mir zunächst ein paar Fragen: Was ist überhaupt ein Fachmann? Und was ist keiner? Braucht es ein Zertifikat, das einem Expertenkenntnisse bescheinigt? Oder reicht es bereits, sich mit einer Sache intensiv zu beschäftigen, um sich Fachmann zu schimpfen?
Platon stellt - freilich in Bezug auf seine Philosophenkönige - fest, dass derjenige, der sich mit dem Göttlichen und Gerechten beschäftigt, selbst göttlich und gerecht wird. Es scheint unabwendbar, dass man nachzuahmen versucht, womit man sich gerne beschäftigt.
Wikipedia versteht unter einem Fachmann "eine Person, die über überdurchschnittlich umfangreiches Wissen auf einem oder mehreren bestimmten Sachgebieten [...] verfügt." Doch was ist wiederum „Wissen“? Wissen ist per definitionem immer wahr, es gibt kein falsches Wissen. Das setzt allerdings voraus, dass es „Wahrheit“ gibt.
Hält nicht jeder etwas anderes für das Wahre? Beispiel: Zwei Blinde, die versuchen, einen Elefanten zu ertasten, um sich ein Bild von ihm zu machen, können den Elefanten nie als Ganzes erfassen. Sie erfassen nur einen Teil des Tieres und machen diesen Teil zur Grundlage ihrer Vorstellung vom Elefanten. Es müsste ein großer Zufall sein, wenn beide die gleiche Vorstellung entwickeln.
Wenn es also keine absolute Wahrheit gibt, kann es auch kein Wissen geben, kann es auch keine Experten geben! Vielmehr gilt: Alle Aussagen, die wir treffen, sind Hypothesen. Sie beschreiben, wie die Wirklichkeit sein könnte, nicht wie sie ist. Hypothesen sind diskutierbar. Es spielt keine Rolle, von wem sie aufgestellt werden.
Spindoctor
05.09.2010, 15:45
Lexi4berlin,
danke für deine Erörterungen. Ich hatte Strategie und Taktik nur nach dem Kriterium der Planbarkeit unterschieden. Deine Unterscheidung in Ziel und Mittel ist genauer. In diesem Lichte sind meine letzten beiden Beispiele für Strategie natürlich nicht aufrechtzuerhalten.
Dass man bei aussichtslosem Rückstand seinen Matchplan risikolos umkrempeln kann, ist auch richtig. Meine ursprüngliche Aussage entstand vor dem Hintergrund einer souveränen Führung.
Hohes Niveau hier!!!!! :daumen:
Hi,
da würde ich Dir stark widersprechen.
In sehr, sehr vielen Matches habe ich bei diesem Spielstand ganz klar gemerkt, wie der Gegner wesentlich stärker gespielt hat als vorher.
Ganz einfach weil er mit dem Rücken zur Wand steht und seinerseits viel konzentrierter agiert und keinen Punkt mehr leicht verschenken will.
Ganz häufig bekommt man seine Punkte in diesem Aufschlagspiel nicht mehr "so einfach" wie in den Spielen davor.
Daher muss man seinerseits noch konzentrierter zu Werke gehen als vorher, keine leichten Fehler machen oder hitzige Winner versuchen.
Seinen bisherigen Spielplan verfolgen und sich nicht wundern, wenn auf einmal Bälle zurückkommen, die der Gegner vorher nicht einmal rübergespielt hat.
Ansonsten: sehr gute Hinweise.
Gruß
Sehe ich nicht wirklich so. In den allermeisten Fällen ist es doch so, dass man den Satz oder das Match fast schon abgehakt hat (was soll noch schiefgehen?) und durch eigene Schwächen wie oben beschrieben das Ding verschenkt.
Ich habe selten erlebt, dass der Gegner plötzlich, nur weil er nichts mehr zu verlieren hatte, plötzlich einen Winner nach dem anderen spielt. Das kann vorkommen, ist aber nicht die Regel.
Meist macht man drei, vier leichte Fehler, baut den Gegner auf, der dann plötzlich selber besser spielt. Dafür kann der Gegner aber nichts, sondern da ist man einzig und alleine selber Schuld.
Sieht man auch bei den Profis, wenn einer klar führt und zum Matchgewinn aufschlägt. Da kommt dann der erste Aufschlag nicht, man macht zwei, drei leichte Fehler und plötzlich kippt so ein Spiel mal ganz schnell. Das liegt aber nicht daran, dass der Gegner nichts mehr zu verlieren hat, sondern daran, dass der Führende schwächelt.
Hawkeye2
06.09.2010, 20:36
Hi,
erst einmal folgendes:
Dinge, die ich selber dutzendfach erlebt habe kannst Du nicht wegdiskutieren.
Natürlich spielt ein Gegner nicht bei 2:5 aus seiner Sicht plötzlich Winner, die er gar nicht kann.
Aber anstatt wie so oft vorher schnell den Fehler zu machen spielt er auf einmal 20 Mal den Ball rein, läuft in jede Ecke und gibt keinen Ball verloren...
Oder statt schlechter Passierbälle spielt er auf einmal einen Lob, statt Returnfehlern mit der Rückhand kommt auf einmal jeder Aufschlag zurück etc.
Erzähle mir nicht, Du hättest nur Gegner, die den ganzen Satz gleich gut spielen, dann kannst Du ja nach dem ersten Spiel schon den Satzausgang festlegen...
Ich weiss aus Erfahrung (und stelle mich daher auch darauf ein), daß das Aufschlagspiel zum Satzgewinn fast immer härter wird als alle anderen davor, egal wie leicht man sie gewonnen hat.
Und da ich nicht zu Nervosität neige oder in dieser Situation Unsinn verzapfe muss das am Gegner liegen, oder ?!
Insbesondere wenn jemand zurückliegt maximieren sichn unmal seine Anstrengungen...
Da liegt ja das ganze Problem in der Sache: die meisten kämpfen wesentlich verbissener um ein Unheil abzuwenden (2:6 !) als darum, einen Erfolg zu erzielen. Gerade dann wenn man ja schon einen Erfolg (5:2 !) hatte.
Schau Dir mal die Länge des Punktes bei 30:40 von zwei etwa gleich guten aggressiven Baselinern an und vergleiche das Mal mit dem ersten Punkt eines Spieles...
Gruß
@hawk
gebe Dir 100 % Recht, da ich erst gestern die Erfahrung gemacht habe.
Ich habe 6:3, 5:2 geführt und den 2. Satz noch 6:7 verloren.
Ich hatte das Spiel weder abgehakt, weil ich sowas aus Erfahrung NIE mache noch einen "Eisenarm" bekommen. Mein Gegner hat in dieser Situation, in der das Match fast verloren war, aggressiver, risikoreicher gespielt als ich und sogar einen Matchball abgewehrt. Dies resultiert darin, dass ich etwas verunsichert war und dann ein paar Punkte "liegen lies". Im übrigen wurden, wie von Hawkeye beschrieben, die Ballwechsel zunehmend länger und zäher.
Hi,
Aber anstatt wie so oft vorher schnell den Fehler zu machen spielt er auf einmal 20 Mal den Ball rein, läuft in jede Ecke und gibt keinen Ball verloren...
Oder statt schlechter Passierbälle spielt er auf einmal einen Lob, statt Returnfehlern mit der Rückhand kommt auf einmal jeder Aufschlag zurück etc.
Erzähle mir nicht, Du hättest nur Gegner, die den ganzen Satz gleich gut spielen, dann kannst Du ja nach dem ersten Spiel schon den Satzausgang festlegen...
Ich weiss aus Erfahrung (und stelle mich daher auch darauf ein), daß das Aufschlagspiel zum Satzgewinn fast immer härter wird als alle anderen davor, egal wie leicht man sie gewonnen hat.
Und da ich nicht zu Nervosität neige oder in dieser Situation Unsinn verzapfe muss das am Gegner liegen, oder ?!
Insbesondere wenn jemand zurückliegt maximieren sichn unmal seine Anstrengungen...
Da liegt ja das ganze Problem in der Sache: die meisten kämpfen wesentlich verbissener um ein Unheil abzuwenden (2:6 !) als darum, einen Erfolg zu erzielen. Gerade dann wenn man ja schon einen Erfolg (5:2 !) hatte.
Schau Dir mal die Länge des Punktes bei 30:40 von zwei etwa gleich guten aggressiven Baselinern an und vergleiche das Mal mit dem ersten Punkt eines Spieles...
Gruß
Ich denke einfach, man darf Ursache und Wirkung nicht miteinander verwechseln und längst nicht jeder Gegner fängt bei einem klaren Rückstand an zu kämpfen, sondern hat das Spiel schon abgehakt oder resigniert.
Ich will jetzt nicht behaupten, dass eine "Sch..egal, jetzt habe ich nichts mehr zu verlieren"-Einstellung nicht mal ein Spiel drehen kann, aber meist ist die Ursache doch eher beim Führenden zu suchen.
Wenn der im Rückstand liegende jetzt z.B. auf einmal vermeintlich besser returniert, stellt sich die Frage, ob dies nicht auch am Aufschläger liegt, der vielleicht ein paar Prozent weniger hart oder platzierter als vorher aufschlägt. Oder ob vielleicht die Angriffsbälle nicht mehr so aggressiv gespielt werden, die Grundschläge nicht mehr die Länge haben etc.
Ich denke einfach, dass man sich im "Unterbewusstsein" sicher fühlt und manchmal reichen ein paar Prozent weniger, die den Gegner plötzlich ins Spiel kommen lassen, weil man eben denkt, dass auch 90 % reichen und das ist oft nicht der Fall. Und manche kriegen ja dann tatsächlich die "Angst vorm Siegen", dafür kann der Gegner aber nichts.
Natürlich ist jeder Spieler innerhalb eines Matches Schwankungen unterworfen, aber wenn er vorher chancenlos war, wird er, und das ist MEINE Erfahrung, zu 99 % ohne Mithilfe des Gegners einen Satz nicht mehr drehen können. Die kann natürlich mehr oder weniger stark ausfallen.
Und es ist natürlich auch eine Eigenschaft des Menschen, lieber die Schuld beim plötzlich "viel stärker aufspielenden" Gegner als bei sich selbst zu suchen.
muellerhp
07.09.2010, 08:59
Ich glaube, die Ursachen, warum hohe Führungen noch weggehen, haben auch ein bißchen was mit der Spielklasse zu tun, in der man spielt. In höheren Ligen bis hin zur Weltklasse ist die Fokussierung eine andere, das technische Niveau auch, und dort ist es einem Spieler, der 2:5 hintendran ist, eher möglich, mal auf den Winner zu gehen, viel zu riskieren und plötzlich zu explodieren. Wenn bei höherklassigeren Spielern einer mit 90% seiner Leistungsfähigkeit eine Führung herausgespielt hat und der bis dahin nicht so starke Gegner (aus Verzweiflung oder warum auch immer) plötzlich statt vorher 80% in der Lage ist, 100% abzurufen, kann auf diesem Level ein Spiel kippen, ohne daß der Führende dramatisch schlechter spielt.
In niedrigeren Klassen ist es aus meiner Erfahrung eher so, daß der Führende von seinem Matchplan abweicht und der andere das dann merkt und sich gefühlt ein bißchen steigern kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß ein Bezirksklassenspieler plötzlich 20 Winner haut, ist eher gering, da ihm meist die technischen Möglichkeiten fehlen. Das ist eher eine Konzentrationsfrage des Führenden, und in niedrigeren Ligen sind halt schwerpunktmäßig erweiterte Hobbyspieler unterwegs, und die können meist ihren Fokus nicht durchgehend hochhalten. Mir ist genau das am Sonntag passiert, ich habe bis 5:3 konsequent gespielt, dann gedacht, jetzt verwalte ich mein Ergebnis (wird schon reichen), ich bin kürzer geworden, mein Gegner kam besser ins Spiel und weg war die Führung. Der hat dann zwar kaum noch Fehler gemacht, ich habe ihn aber auch nicht mehr unter Dampf gehalten und sein sichereres Spil selbst mit verursacht.
Ich glaube, die Ursachen, warum hohe Führungen noch weggehen, haben auch ein bißchen was mit der Spielklasse zu tun, in der man spielt. In höheren Ligen bis hin zur Weltklasse ist die Fokussierung eine andere, das technische Niveau auch, und dort ist es einem Spieler, der 2:5 hintendran ist, eher möglich, mal auf den Winner zu gehen, viel zu riskieren und plötzlich zu explodieren. Wenn bei höherklassigeren Spielern einer mit 90% seiner Leistungsfähigkeit eine Führung herausgespielt hat und der bis dahin nicht so starke Gegner (aus Verzweiflung oder warum auch immer) plötzlich statt vorher 80% in der Lage ist, 100% abzurufen, kann auf diesem Level ein Spiel kippen, ohne daß der Führende dramatisch schlechter spielt.
In niedrigeren Klassen ist es aus meiner Erfahrung eher so, daß der Führende von seinem Matchplan abweicht und der andere das dann merkt und sich gefühlt ein bißchen steigern kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß ein Bezirksklassenspieler plötzlich 20 Winner haut, ist eher gering, da ihm meist die technischen Möglichkeiten fehlen. Das ist eher eine Konzentrationsfrage des Führenden, und in niedrigeren Ligen sind halt schwerpunktmäßig erweiterte Hobbyspieler unterwegs, und die können meist ihren Fokus nicht durchgehend hochhalten.
Dem stimme ich zu, dies ist ein weiterer Punkt, der natürlich zu berücksichtigen ist und der keine kleine Rolle spielt.
Irgendwie hat fast jeder Recht hier, daher kann ich spindoctors philosophische Herleitung der fehlenden Wahrheit fast schon unterschreiben ;)
Weil erlebt haben wir alle schon die unterschiedlichsten Spielsituationen und Gründe, warum Dinge so gelaufen sind.
Ich glaube, gerade bei uns Hobbyspielern tritt sehr oft die kritische Stimme in den Vordergrund. "Diesmal aber nicht wie gegen XY". Allein diese Angst kann negative Berge versetzen.
Selbst passiert mir das gottseidank recht selten, dass ich eine hohe Führung noch verspiele, ich führe aber auch selten hoch. ;)
Kann mich an eine Situation aus der Jugend erinnern. Ich spiele gegen einen - auf dem Papier - deutlich besseren. Ich führe exakt 5:2, gehe auf die Bank und sage zu meinen Eltern (es lebe die Arroganz): "hätt ich nicht gedacht, dass das gegen den so einfach wird".
Das Endergebnis war dann glaube ich 5:7 2:6 oder noch glatter im 2. Satz. :D
Schön Ergebnis vorweggenommen.
Das passiert mir im kleinen Stil heute auch noch. So geschehen dieses Jahr im entscheidenden Aufstiegsspiel. Harter Gegner.
Ich führe 4:2 40:15 und bin gedanklich schon beim 5:2. Verliere im Kopf und dann Körper komplett die Spannung, spiele ein paar Bälle leicht daneben und der Gegner macht praktisch keinen Fehler mehr - im Gegensatz zu vorher.
4:6
Um endlich zum Punkt zu kommen:
Ich glaube, dass es fast immer eine Mixtur aus eigenem Verschulden (zu übermütig/aggressiv, auf einmal zu ängstlich/passiv) und dem veränderten Spiel des Gegners (weniger Fehler, mehr Druck) ist. Und oft sind es nicht die großen Strategien (oder Taktiken), sondern ein/zwei Bälle, die ein Spiel kippen können. Wenn bei mir nix zusammengeht (oder ich das zumindest so empfinde), reicht manchmal ein Ball, der mich emotional derart aufbaut, dass danach fast alles klappt. Ich warte fast schon innerlich dann auf diesen einen Ball.
Um endlich zum Punkt zu kommen:
Ich glaube, dass es fast immer eine Mixtur aus eigenem Verschulden (zu übermütig/aggressiv, auf einmal zu ängstlich/passiv) und dem veränderten Spiel des Gegners (weniger Fehler, mehr Druck) ist. Und oft sind es nicht die großen Strategien (oder Taktiken), sondern ein/zwei Bälle, die ein Spiel kippen können.
Kann ich so stehen lassen. Man hat den Gegner im Sack und führt klar, der schimpft vor sich hin oder lässt den Kopf hängen. Dann schenkt man dem Gegner plötzlich, warum auch immer ein oder zwei Spiele (ab und zu reichen zwei oder drei Punkte), damit hat man ihn wieder moralisch aufgebaut und das Spiel kriegt eine Eigendynamik, die man nicht einfach stoppen kann. Und dann ist es oft so, dass der Führende immer mehr abbaut und unsicherer wird und der vermeintliche Verlierer Rückenwind bekommt und wirklich besser spielt. Dazu muss aber der Führende den "Anstoss" liefern.
LittleMac
08.09.2010, 18:52
Vielleicht sollte man mal von der anderen Seite rangehen: Wie hat man es geschafft, ein Match nach hohem Rückstand noch zu drehen? Ich habe solche Fälle generell sehr selten, da ich ein typischer "Frontrunner" bin: Einmal vorne, gebe ich eine Führung eigentlich nicht mehr her. Wenn ich hingegen mal klar hinten liege, dann ist der Gegner im Normalfall einfach besser und ich bekomme das auch nicht mehr gebogen. Aber an zwei Fälle kann ich mich erínnern:
1.: Verbandsspiel vor einigen Jahren in der Verbandsklasse. Ich habe eigentlich einen ganz guten Touch gehabt, aber gegen einen "Bringer" trotzdem 0:4, 1:5 und schließlich 2:5, 15:40 bei seinem Aufschlag hinten gelegen. Ich hatte einfach die entscheidenden Bälle immer an die Netzkante oder knapp ins Aus gesetzt. Trotzdem war ich mir immer sicher, dass ich nicht nur das Match sondern auch den Satz gewinnen würde. Ich wusste an diesem Tag einfach, dass die Bälle irgendwann kommen würden (das ist leider nicht immer so ;) ) - und so kam es dann auch: 7:5, 6:2.
2. Ich spielte gegen einen Italiener, der keinen einzigen harten Schlag drauf hatte. Ordentliche Vorhand mit mäßigem Spin, Rückhand ausschließlich Slice, der Aufschlag eher ein Einwurf - eigentlich genau die Sorte Gegner die ich gerne habe. Das Problem: Egal wohin ich ihm meine Vorhand auch reinzimmerte, der Typ war immer da und wenn ich ans Netz ging passierte er mich sogar mit einem langsamen RH-Slice, weil er die Dinger extrem präzise spielte. Ich lag nach 20 Minuten 0:6, 0:1 und 0:30 hinten, obwohl ich eigentlich ganz gut spielte. Ab diesem Moment habe ich etwas entscheidendes in der Spieltaktik geändert: Ich habe mich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit immer im letzten Moment umentschieden, wohin ich den Ball spiele. Normalerweise spiele ich nach der Devise: der erste Gedanke ist der richtige. In diesem Fall habe ich genau das Gegenteil gemacht. Außerdem ging ich beim Aufschlag dazu über, den ersten sicherer zu spielen, dafür aber jeden Aufschlag mit dem selben Ballwurf zu schlagen. Der Gegner konnte somit nicht mehr antizipieren (was er eigentlich extrem gut konnte) wohin ich spiele, er konnte nur noch raten. Am Ende habe ich 0:6, 6:3, 6:4 gewonnen.
In beiden Fällen hatten meine Gegner also trotz deutlicher Führung keinen/kaum Einfluss darauf, dass sie das Match noch verloren haben, sie spielten unverändert weiter. Es lag fast ausschließlich an mir. Ich denke, es kommt immer auch auf die Konstellation an: Warum ist ein Spieler so klar vorne? a) Weil er einfach besser ist?! b) Weil er über seinem eigentlichen Leistungsniveau spielt?! c) Weil der andere Spieler unter seinem Niveau spielt?! Bei a) Sollte nichts mehr anbrennen, wenn man "seine Nerven im Griff hat". Bei b) und c) kann sich die Situation jederzeit noch ändern.
lexi4berlin
09.09.2010, 00:25
Vielleicht sollte man mal von der anderen Seite rangehen: Wie hat man es geschafft, ein Match nach hohem Rückstand noch zu drehen?
Ein logisch und praktisch sehr sinnvoller Ansatz!
Ich meine, dass es noch aus einem anderen Grund zu einer hohen Führung kommen kann:
Wenn dem einen Spieler das Spiel des anderen Spielers einfach gut liegt!
Ich spiele lange flache Grundschläge, die für meine Spielklasse recht präzise und kraftvoll kommen, dabei ist meine Rückhand eher noch besser als meine Vorhand. Was anderes kann ich dafür aber auch nicht.
Nun lag ich mal deutlich zurück gegen einen Gegner, der lauffreudig war und meine Schläge einfach immer geblockt hat ohne Fehler zu machen und dabei mit meiner Kraft gespielt hat. Irgendwann landete dann auch mein Grundschlag im Aus oder Netz.
Also lag meine Spielweise (kein starker Aufschlag, keine Netzangriffe), aber kraftvolle Grundschläge dem Gegner einfach.
Dementsprechend habe ich es einfach mit einem extremen Strategiewechsel versucht: Nicht mehr den Gegner laufen lassen und Tempo machen, sondern die Bälle einfach nur noch mit wenig Kraft ins Halbfeld spielen. Klar, in einer höheren Spielklasse hätte man mir diese Bälle jetzt um die Ohren gehauen, aber mein Gegner war vollkommen damit überfordert, selbst das Spiel zu machen. Ohne meine Kraft in den Schlägen, ohne das ständige Laufen, an das er gewöhnt war, kam er aus dem Tritt. Blocken konnte er meine Bälle nicht mehr, dafür hatten sie nicht genug Energie und aus dem Halbfeld hat er auch keine Längenkontrolle gehabt. Also machte er plötzlich Fehler, wurde nervös, was zu noch mehr Fehlern führte (wozu natürlich der Ärger über ein fast gewonnenes Match, das jetzt aus dem Ruder lief, zusätzlich beitrug)
Es ist mir dann tatsächlich gelungen, das Match bis zum Sieg zu lullern, obwohl das eine enorme psychische Belastung für mich war, so ein Spiel konsequent und konzentriert durchzuhalten.
Also mein Vorschlag, wenn es gar nicht läuft und man sonst keinen Plan hat: Mal versuchen, ganz anders zu spielen als vorher, entweder es klappt nicht, dann hat man aber auch nichts zusätzliches verloren, oder es klappt mit Glück doch!
Also mein Vorschlag, wenn es gar nicht läuft und man sonst keinen Plan hat: Mal versuchen, ganz anders zu spielen als vorher, entweder es klappt nicht, dann hat man aber auch nichts zusätzliches verloren, oder es klappt mit Glück doch!
Klingt einfach und logisch und haben wir alle schon mal gehört.
ABER: ist halt manchmal und für manche nicht einfach.
1. runter vom hohen Ross: "das ist doch nicht mein Spiel. Grausam, einfach nur reinlullen, ich will doch kein Hausfrauentennis spielen (@Hausfrauen: sorry :) )."
Lieber ärgert man sich grün und blau, dass man gegen einen verloren hat, der nach eigenem Empfinden deutlich schlechter war. (aber cleverer)
2. Viele in den unteren Klassen haben einfach nur ein Spiel und können (oder wollen) das nicht umstellen. Im nachhinein sagen die dann "er war einfach besser". Ich bin der Meinung, wenn nicht gerade WELTEN zwischen zwei Spielern liegen, kann man eigentlich jeden schlagen. Die richtige Strategie, einen guten Tag und ein Quentchen Glück vorausgesetzt.
Ich habe öfters Spiele gewonnen, wo ich mich im nachhinein gefragt habe, warum die Gegner so deppert waren. :D Im Gegensatz dazu gerade als Jugendlicher wegen Grund 1 (hohes Ross) viele Spiele verloren.
lexi4berlin
09.09.2010, 10:06
Grausam, einfach nur reinlullen, ich will doch kein Hausfrauentennis spielen
Damit habe ich meine besten Erfolge bei Verbandsspielen erzielt.
Ich bin Mitte 30 und spiele in nicht sehr hoher Liga bei den Herren, Gegner sind oft mittelmäßig begabte Jugendliche.
Die beste Konstellation ist für mich, wenn ein paar Kumpels vom Gegner zuschauen, am besten aber die Freundin oder ein Mädel, auf das er steht - wenn ich dann mit dem Hausfrauentennis anfange, auf das er diszipliniert antworten müsste, dann ist dem Gegner das oft richtig peinlich, weil das Spiel optisch einfach mies aussieht, von beiden Seiten. Dann wird der Gegner oft ungeduldig und fängt an zu schießen, wobei er sich aber technisch überfordert. So habe ich schon oft meine Matches gegen an sich bessere Gegner gewonnen. Hier zahlt sich meine gute Kondition und vor allem die altersbedingte Nervenstärke voll aus.
...identischer Text steht hier:
http://community.sport1.de/de/thema/,37215512.html
:D;)
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